1.4. Zweiter Alphabetisierungsschub und „Leserevolution“ im 18. Jh.

1.4.1. Expansion des Druckmarktes

Allgemein gebildete Stände, nicht mehr nur Gelehrte nehmen Teil an einem immer dichteren, überregionalen, medial vermittelten Kommunikationsnetz. Die wachsende Bedeutung der Schriftlichkeit führt zu einer Explosion des Druckmarktes:

  • das Buch wird Massenware,
  • Zunahme der Anzahl gedruckter Werke,
  • Steigerung der Auflagen,
  • Senkung der Preise.

Lesegesellschaften und die Öffnung von Bibliotheken ermöglichen eine breitere Zugänglichkeit zu dem neuen Medium. Das Schwergewicht des Gedruckten verlagert sich von religiösen auf profane Schriften, von Latein auf die Volkssprache; der Anteil der Belletristik wächst. Das verändert das Verhältnis zu Buch und Buchwissen:

  • statt wiederholter, kollektiver Lektüre weniger autoritativer Schriften nun extensive, stille Einzellektüre vieler verschiedener Schriften;
  • „Desakralisierung“ des Buches,
  • „Wettbewerb“,
  • „Markt der Ideen“.
  •  

1.4.2. Zeitschriften- und Zeitungswesen

Zunächst existierten handschriftlich vervielfältigte Nachrichten (avvisi) für einen exklusiven Leserkreis. Für die Weitergabe der Informationen waren laufende Zeitungsboten mit mündlichen, dann schriftlichen „Neuen Zeitungen“ zuständig. Erste regelmäßig gedruckte Nachrichtenblätter im Reich entstanden in Straßburg (1605), Amsterdam, Frankfurt (1615), Hamburg (1618), Danzig (1619), Köln (1620); eine Blüte erlebte das Zeitungswesens v.a. im Reich, wo wegen der politischen Zersplitterung eine Zensur nicht effizient durchführbar war und es viele Druckzentren gab. Im 18. Jh. hatten Wochen- und Monatsschriften nach englischem Vorbild mit praktisch-moralischen Themen Konjunktur; es folgte eine rasche Ausdifferenzierung verschiedener Zeitschriftengattungen. Im letzten Viertel des 18. Jh.s fand eine zunehmende Politisierung statt, verbunden mit dem Entstehen eines politischen Meinungsjournalismus. Die Arkanpolitik der Höfe wird grundsätzlich delegitimiert; das gebildete Publikum erhebt Anspruch auf ein politisches „Richteramt“; allein von „Publizität“ und öffentlichem Diskurs erwartet man langfristig die Überwindung politischer Missstände.

1.4.3. „Strukturwandel der Öffentlichkeit“

Jürgen Habermas fasst diesen Prozess als Wandel von der vormodernen „repräsentativen Öffentlichkeit“, d.h. die Herrschaftsträger inszenieren ihre Herrschaft demonstrativ vor den Untertanen, zur modernen „diskursiven Öffentlichkeit“ im Sinne von Öffentlichkeit als Sphäre der diskursiven politischen Urteilsbildung eines ständeübergreifenden gebildeten Lesepublikums, das Anspruch auf generalisierte politische Partizipation erhebt.