Quelle: Voltaire, Das Zeitalter Ludwigs XIV., 2 Bde., Leipzig 1887, Bd. 1, S. 25f. (frz. Orig. 1751).

Dieses Werk Voltaires (eigentl. Francois Marie Arouet, 1694-1778), des prominentesten Vertreters der französischen Aufklärung, ist eines der wichtigsten Werke der Geschichtsschreibung der Aufklärungsepoche. Das 17. Jahrhundert in Europa erscheint hier als Fortschrittsgeschichte von Kultur und Zivilisation. Dieser Abschnitt erklärt den Europabegriff der Zeit, der insbesondere auf bestimmte Charakteristika der internationalen Politik abhebt.
 
Schon seit langem durfte man das christliche Europa - Russland ausgenommen - für eine Art großer Republik ansehen, die in mehrere teils rein monarchische, teils konstitutionelle, teils aristokratische, teils demokratische Staaten zerfiel, welche jedoch sämtlich miteinander harmonierten, sämtlich, wenn auch in verschiedene Sekten zersplittert, dieselbe religiöse Grundlage hatten und sich sämtlich zu denselben völkerrechtlichen und politischen Grundsätzen bekannten, die den übrigen Erdteilen noch fremd waren. Diesen Grundsätzen nach machen die europäischen Völker ihre Kriegsgefangenen nicht zu Sklaven, achten sie die Gesandten ihrer Feinde, gestehen sie einmütig gewissen Fürsten, wie dem Kaiser, den Königen und andern geringeren Potentaten, den Vorrang und gewisse Vorrechte zu, namentlich stimmen sie aber in der klugen Politik überein, dass sie soviel als möglich ein Gleichgewicht der Macht unter sich erhalten, indem sie beständig, sogar mitten im Kriege, das Mittel der Unterhandlung anwenden und eines beim andern Gesandte oder minder ehrenwerte Spione unterhalten, die alle Höfe von den Plänen eines Einzigen in Kenntnis setzen, ganz Europa mit einem Schlage in Aufregung zu bringen und die Schwächeren vor den Einfällen zu bewahren vermögen, zu denen der Stärkere stets bereit zu sein pflegt.